Urbane Hitzewellen – Wien bleibt cool

Mit dem Klimawandel werden Hitzeperioden häufiger, länger und heißer. Das zeigen auch Extremwertstatistiken. Welche Maßnahmen sind nötig, um die urbane Lebensqualität der Städte auch während der Hitze im Sommer zu erhalten? Wie steht die Stadt Wien da und welche klugen Kühllösungen bietet Wien Energie als größter regionale Energieanbieter an?

Ein Interview mit der Mikroklima-Wissenschaftlerin Dipl.-Ing.in Heidelinde Trimmel von der BOKU Wien.

Wie reagiert eine Stadt auf den akuten Klimawandel und woran kann man diesen auch in Wien jetzt schon erkennen?

Die Temperaturen steigen an – das ganze Jahr über. Empfehlenswert ist es, immer wieder den Klimaspiegel der ZAMG zu betrachten, der die Tagestemperaturen und Niederschlagswerte mit dem langjährigen Durchschnitt vergleicht, da man besonders in den kälteren Jahreszeiten die Temperaturerwärmung nicht so gut wahrnimmt und oft unterschätzt. Auch dieses Jahr liegen die Temperaturen in Wien wieder fast durchgehend über dem Mittel, der Phänologiespiegel zeigt eine deutlich verfrühte Vegetationsperiode und auch die Extremwertstatistik zeigt, dass z.B. die heißesten Hitzewellen der letzten dreißig Jahre nicht normalverteilt sind, sondern in den letzten Jahren stattfanden.

Was ist am zunehmenden Klimawandel Ihrer Meinung nach am bedrohlichsten?

Wir haben in einem Forschungsprojekt sehr extreme Maßnahmen getestet, in der Hoffnung, den thermischen Komfort in der Stadt während Hitzewellen zu erhalten oder sogar zu verbessern, jedoch ohne großen Erfolg. Besonders problematisch schätze ich die Agrarflächen im Umland ein – sobald diese trockenfallen, steigen die Temperaturen im gesamten Umland, was sich auf Wien auswirkt.

Was kann man dagegen unternehmen?

Global: Reduktion des Treibhauseffekts und somit Kühlung der Atmosphäre. Lokal: Optimierung der Energiebilanz, damit die Temperaturen im Sommer möglichst gering bleiben, z. B. Maximierung des Reflexionsvermögens, Verringerung der Wärmeaufnahme, Sicherstellung der Wasseraufnahme des Bodens und dadurch die Möglichkeit zur Verdunstungskühlung. Weiters der Stopp von zusätzlicher Abholzung, Trockenlegung oder Versiegelung – besonders im Umland. Stattdessen: Zulassen von Wiederbewaldung bzw. Aufforstung, wasserschonende Landwirtschaft, Vermeidung von Treibhausgasen durch Kfz, Flug, Industrie oder auch Hausbrand. Kurze Wege müssen durch regionales Wirtschaften erreicht werden. Keine weitere Förderung oder Subvention von fossilen Energieträgern – dafür für E-Mobilität und den öffentlichen Verkehr.

Was können Bürgerinnen und Bürger tun? Hilft Begrünen der Wohnung mit Pflanzen?

Jede Art der Begrünung ist von Vorteil. Auch wenn sie so klein ist, dass die messbare Auswirkung gering ist, so ist zumindest der ökologische und psychologische Nutzen unbestreitbar. Weiters ist jede Fassaden- und Dachbegrünung eine Pufferfläche, die auch dem Wasserhaushalt der Stadt gut tut und sie resilienter macht. Weiters keine Produkte, die mit Containerschiffen zweimal um die Welt fahren, kaufen. Unnötiges Fliegen vermeiden, E-Mobiltät nützen usw.

Welche Faktoren entscheiden über das Mikroklimo in einem Bezirk oder Grätzel?

Der wichtigste Faktor ist die gegenwärtige meteorologische Situation und Lage innerhalb der urbanen Wärmeinseln. Weiters ist das Verhältnis von Straßenbreite zu Höhe ebenso wie das Vorhandensein von Bäumen ein wichtiger Faktor. Je enger die Straße, desto stärker werden Temperatur und Hitze gedämpft. Das bedeutet, dass es zwar tagsüber durch Beschattung angenehmer bleibt, jedoch die nächtliche Abkühlung durch fehlende Durchlüftung und Abstrahlung sehr schwach ist. Die verwendeten Baumaterialien sind wichtige Faktoren, wobei hier hohes Reflexionsvermögen der Oberflächen besonders tagsüber die Temperaturen reduziert. Gute Isolierung der Gebäude führt tagsüber zwar zu höheren Temperaturen, aber dafür ermöglicht sie auch nachts eine bessere Abkühlung der Stadt. Soweit genügend Wasser vorhanden ist, ist auch Verdunstungskühlung durch Pflanzen ein Faktor. Interessant ist weiters, an noch nicht verbreiteten Materialien in der Stadt zu forschen, wie z. B. Photovoltaikoberflächen. Hier haben wir in einem Sondierungsprojekt gezeigt, dass bei Photovoltaik trotz der dunklen Oberfläche die Vorteile fürs Mikroklima überwiegen.

Welche Projekte gegen den Klimawandel und seine Folgen sind in Wien am sinnvollsten?

Um die Sommertemperaturspitzen zu mildern, wird eine Kooperation mit dem Umland und ein Überdenken der landwirtschaftlichen Methoden bezüglich Wasserhaushalt notwendig sein. Ein weiteres Projekt beschäftigt sich mit der Auswirkung von Hitze und Trockenstress auf die urbane Baumbepflanzung. Untersucht wird, welche Baumarten und Pflanzen sich am besten den Gegebenheiten in der Großstadt anpassen und so für ein ideales Mikroklima in Wien sorgen.

Inwieweit wirkt sich die Begrünung von Häusern oder Dächern positiv aus?

Die Begrünung von Dächern wirkt sich in erster Linie direkt auf die Dachfläche und auf die Gesamtstadt aus. Je höher das Dach, umso geringer die Wirkung. Zusätzlich gilt, dass die Wirkung sehr stark an die Wasserverfügbarkeit gebunden ist. Fassaden wirken sich in engen Strukturen stärker aus.

Wie steht Wien im Vergleich zu anderen Metropolen da?

Speziell durch den hoch gelegenen Wienerwald, die Hochquellwasserleitung, durch den Gebirgsfluss Donau und die vielen Naherholungsgebiete im Umkreis von Wien stehen wir grundsätzlich doch sehr gut da.

Über die Klima-Expertin Heidelinde Trimmel 

Die Mikroklima-Wissenschaftlerin Dipl.-Ing.in Heidelinde Trimmel von der Universität für Bodenkultur in Wien beschäftigt sich vor allem mit Gebäudebegrünungen und Gewässersystemen.

Wien Energie – Immer mehr „Grüne Kälte“ für heiße Tage

Seit 2007 produziert Wien Energie umweltfreundliche Fernkälte. Gegenüber herkömmlichen Klimaanlagen ergeben sich durch die Nutzung von Fernkälte-Systemen zahlreiche ganz wesentliche Vorteile. Bis 2024 investiert Wien Energie 65 Millionen Euro in umweltfreundliche Kühlung und leistet damit einen wesentlichen Beitrag zur Kühlung der Stadt Wien.

Der Originalbeitrag ist in der Ausgabe Energie! Juni 2019 erschienen.