Elisabeth Oberzaucher am WU Campus. Copyright: Wien Energie/Michael Rausch-Schott

„Den Menschen nicht aus dem Auge verlieren“ – Interview mit Elisabeth Oberzaucher

Die Anthropologin und Stadtforscherin Elisabeth Oberzaucher über die neuen Formen der Urbanität und die Wünsche der Menschen an „Smart Cities“.

Wir spazieren gerade durch eines der neuesten Stadtviertel Wiens, das VIERTEL ZWEI, wo versucht wird, eine neue Form von Urbanität zu schaffen. Was geht Ihnen da als Anthropologin durch den Kopf?

Elisabeth Oberzaucher: Ich finde es sehr begrüßenswert, dass man von diesen langen geraden Straßen weggeht, die kein Profil und kein Gesicht haben. In den etwas älteren Neubaugebieten hat man das Gefühl, dass man gar nicht so genau weiß, wo man ist, weil alles gleich aussieht. Hier wird einerseits der Architekturvielfalt Raum gegeben, und andererseits achtet man auf die Freiraumgestaltung: Dadurch wird die Qualität erhöht.

 

Mit „Qualität“ meinen Sie, dass das dem Menschen und seinen Bedürfnissen angemessener ist?

Oberzaucher: Ja. Ich schätze an den Entwicklungen, dass man vom klassischen Ansatz weggeht, nur über das Gebäude nachzudenken. Bei der Stadtentwicklung ist gerade das Dazwischen entscheidend: Dort begegnen sich die Menschen. Die Hauptfunktion des urbanen Raums ist die soziale Interaktion. In diesen Bereich muss man investieren. Denn wenn die Nachbarschaft funktioniert, dann funktionieren auch die anliegenden Gebäude.

 

Die Hauptfunktion des urbanen Raums ist die soziale Interaktion. In diesen Bereich muss man investieren.

 

Allgemein gefragt: Welche Wünsche hat der Mensch an die Umgebung?

Oberzaucher: Wir brauchen eine Umgebung, die nicht reizarm ist, die uns aber auch gleichzeitig nicht mit Reizen überflutet. In Gegenden z. B. in Bahnhofsnähe passiert sehr viel. Das überfordert uns kognitiv und führt zu körperlichem Stress, der langfristig nicht gut für uns ist. Wenn die Umgebung auf der anderen Seite aber zu reizarm ist, wirkt sich das ebenfalls negativ auf uns aus – unsrer Sinne brauchen schon eine gewisse Stimulation. Naturelemente spielen eine wichtige Rolle, um eine positive Form von Komplexität einzuführen: Pflanzen und Wasser sind nicht so langweilig wie eine Betonwand, gleichzeitig überfordern sie uns aber nicht. Das hat etwas mit unserer Evolutionsgeschichte zu tun: Wir tun uns damit leichter, weil unser kognitiver Apparat lange Zeit hatte, um zu lernen, wie man mit solchen Reizen umgeht.

 

Stichwort Biophilie – uns Menschen ist eine gewisse Liebe zum Grünen angeboren …

Oberzaucher: Ja, genau. Pflanzen haben viele positive Wirkungen auf den Menschen, daher kann eine Stadt gar nicht zu grün sein. Gerade in Zeiten von Klimaerwärmung können uns Pflanzen durch die Verdunstung von Wasser und durch die Beschattung auch dabei helfen, Überhitzungsprobleme im urbanen Raum zu bewältigen und Starkregen zu versickern, damit dieser weniger Probleme macht. Außerdem fühlen sich Menschen im Grünen wohler: Wo es grün ist, gibt es mehr soziale Interaktionen, wir sind gesünder und können besser denken. Natürlich gibt es da das große Problem, dass die Rentabilität eine Umwegrentabilität ist: Das Grün hat positive Auswirkungen auf volkswirtschaftlicher Ebene – und nicht notwendigerweise auf die Bauträger. Aber auch für Bauträger ist es relevant, weil man eine Wohnung oder ein Büro in einer schönen Gegend teurer verkaufen kann.

 

Die neuen Formen von Urbanität sind mit dem Thema „Smart City“ verknüpft: Man versucht, die Technik möglichst optimal zu gestalten. Wird dabei Ihrer Meinung nach der Mensch ausreichend berücksichtigt?

Oberzaucher: Man darf den Menschen nicht aus dem Auge verlieren. Technologie kann uns dabei helfen, nachhaltiger zu agieren und Probleme zu lösen, die uns sonst sehr viel Zeit stehlen würden. Man sollte sich aber nicht auf der Technologie ausruhen, sie muss immer in Wechselwirkung mit den Menschen entwickelt werden. Es gibt viele tolle Technologien und Apps, die aber niemand nutzt, weil sie an den Menschen vorbei entwickelt wurden. Diese Schnittstelle Mensch– Maschine muss ganz im Zentrum stehen. „Smart City“, so wie es in Wien verstanden wird, beinhaltet auch stark den Faktor Mensch.

Elisabeth Oberzaucher am WU Campus. Copyright: Wien Energie/Michael Rausch-Schott

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„Smart City“, so wie es in Wien verstanden wird, beinhaltet auch stark den Faktor Mensch.

 

Wir sprechen bisher v. a. über neue, „smarte“ Stadtviertel. Wie sieht es eigentlich in den innerstädtischen Gebieten, in den alten Gründerzeitvierteln aus? Besteht dort aus Ihrer Sicht großer Handlungsbedarf?

Oberzaucher: Die Altstadtviertel sind nicht von ungefähr so beliebt. Und zwar nicht, weil früher alles besser gewesen wäre. Sondern es ist das aus früheren Zeiten übrig geblieben, was gut war und gut funktioniert hat. Daher funktioniert dort sehr vieles sehr gut. Da hat man in der Gründerzeit schon vieles richtig gemacht.

 

Ein großes Thema bei der Debatte um eine zeitgemäße Urbanität ist die Mobilität. Ist der Mensch an sich ein mobiles Wesen?

Oberzaucher: Mobilität steckt grundsätzlich in uns drinnen. Unsere Vorfahren haben sehr lange nomadisch gelebt, sie blieben höchstens ein paar Tage an einem Ort und sind dann weitergezogen. Heute hat die Mobilität mit unseren technischen Hilfsmitteln natürlich eine ganz andere Dimension. Wenn wir innerhalb weniger Stunden rund um die Erde kommen können, schrumpft die Welt in unserer Wahrnehmung. Das hat den positiven Effekt, dass wir uns anderen Kulturen öffnen. Auf der anderen Seite wird aber unser Bedürfnis nach Mobilität weniger gestillt, je schneller wir uns fortbewegen: Wenn wir den Weg gar nicht mehr mitbekommen, dann wissen wir nicht, dass wir uns fortbewegt haben. Daher sollten wir auch die altmodischste Form der Fortbewegung, das zu Fuß gehen, fördern. Die „Walkability“ – also wie gut eine Stadt zu Fuß nutzbar ist – ist ein zentrales Kriterium für die Lebensqualität in einer Stadt.

 

Gibt es ein Mobilitätssystem, das aus anthropologischer Sicht ideal für den Menschen wäre?

Oberzaucher: Die Mobilität der Zukunft wird von Multimodalität geprägt sein – dass wir also unterschiedlichste Mobilitätsformen miteinander kombinieren. Im urbanen Raum ist das in vielen Städten durchaus schon umgesetzt. Man kann noch an einigen Schrauben drehen, um die Nutzbarkeit zu erleichtern. Im ländlichen Raum ist das noch ein Riesenthema: Die Omnipräsenz des individuellen Fahrzeugs ist schwer aufzubrechen.

 

Sie sind als Beraterin in vielen Städten tätig: Kennen Sie ein Beispiel, wo all diese Anforderungen an eine Stadt optimal umgesetzt werden?

Oberzaucher: Nein. Es gibt überall noch etwas zu tun, wir werden niemals angekommen sein. Aber Wien muss man in diesem Zusammenhang loben: Wien ist eine sehr schöne Stadt und hat eine hohe Lebensqualität, weil sehr viele dieser Themen sehr gut gelöst sind.

 

Zur Person: Elisabeth Oberzaucher ist Zoologin und Anthropologin und erforscht menschliches Verhalten, u. a. in urbanen Umgebungen. Sie ist Autorin des – äußerst lesenswerten – Buches „Homo Urbanus“ (Springer Verlag), Trägerin eines Ig-Nobelpreises und Mitglied der „Science Busters“.