Wie bauen wir in Zukunft? ExpertInnen-Runde für nachhaltige Stadtentwicklung

Die von Wien Energie 2018 vorgestellte ecofys-Studie kam zu einem klaren Ergebnis: Wien kann bis 2050 CO2-neutral werden. Entscheidend dafür ist die Umstellung des gesamten Energiesystems, also der Sektoren Strom, Wärme und Mobilität. Wie kann das funktionieren? Welche gesetzlichen Rahmenbedingungen braucht es dazu?

Wien Energie hat dazu ExpertInnen aus den Bereichen Stadtentwicklung, Architektur und Energieversorgung eingeladen. Die Runde war sich einig: Damit Wien weiterhin lebenswerteste Stadt bleibt, müssen Wirtschaft, Forschung und Politik Hand in Hand an den Lösungen zur Bewältigung des Klimawandels arbeiten.

Das Vorhaben, ein Viertel nachhaltiger zu machen, involviert viele verschiedene Stakeholder.

Wir haben für Sie die wichtigsten Erkenntnisse und Forderungen der ExpertInnenrunde zusammengefasst. Unter der Moderation von Herbert Starmühler diskutierten Architektin Ursula Schneider, WBV-GPA Geschäftsführer Michael Gehbauer, Wien Energie-Nachhaltigkeitsexpertin Gudrun Senk und Stadtplanerin der MA21 Alexandra Madreiter.

 

Neue Herausforderungen für Stadtplanung

In den letzten 20 Jahren haben sich die Rahmenbedingungen für die Stadtplanung stark verändert: „Die Planungsprozesse sind viel komplexer und aufwendiger. Wir müssen in der Planung vorausdenken, wie das Endprodukt aussehen kann“, so Stadtplanerin Madreiter.

Neben den klassischen Themen wie Höhe, Dichte und Nutzungsmischung sollen heute verstärkt innovative Energieversorgung und Mobilitätskonzepte, Klimawandel-Anpassungsfähigkeit, Regenwassermanagement oder Windkomfort berücksichtigt werden. Da kommt es mitunter zu Zielkonflikten: „Frischluftschneisen sind für die Durchlüftung wichtig, bei Eingängen von Gebäuden oder Schanigärten muss aber auch eine hohe Aufenthaltsqualität gewährleistet werden.

 

Gesetzliche Regelungen entscheidend

Diese komplexe Planung stellt auch für Wien Energie eine Herausforderung dar. „Es ist wichtig, dass zudem die gesetzlichen Rahmenbedingungen geschaffen werden, welche die Aspekte der Nachhaltigkeit und der Energieeffizienz stärker in den Vordergrund rücken. Wir sehen, dass gut gemeinte Absichten und wichtige Ziele schwierig umzusetzen sind, weil die Energieversorgung für die Bereiche Wohnen, Mobilität, Heizen und Strom in zahlreichen, unterschiedlichen Gesetzen geregelt ist“, erklärt Gudrun Senk. Energie ermöglicht Wohnen, Mobilität, Heizen und Strom, daher sind viele verschiedene Gesetze davon betroffen, von den Wohnbaurichtlinien über das Mietrecht bis zum Eigentumsrecht.

 

„Energie ermöglicht Wohnen, Mobilität, Heizen und Strom, daher sind viele verschiedene Gesetze davon betroffen, von den Wohnbaurichtlinien über das Mietrecht bis zum Eigentumsrecht.“

 

In Wien tut sich einiges

In Wien werden bereits viele Dinge umgesetzt, die in anderen Städten nicht möglich sind. Im VIERTEL ZWEI hat Wien Energie unter starker Einbindung der BewohnerInnen ein Pilotprojekt initiiert. Die Photovoltaik-Anlage am Dach dient für die Nutzung von E-Mobilität sowie als Speicher, der auch den gegenseitigen Stromhandel unter den Nachbarn ermöglicht. Energie ist heute Teil fast aller Lebensbereiche. Daher „müssen wir die Energieinfrastruktur gesamtheitlich denken“, so Senk.

Trotzdem sind „die rechtlichen Rahmenbedingungen für ein nachhaltiges Bauen oder eine nachhaltige Umwelt österreichweit nicht ausreichend. Denn das Thema Sanierungen ist viel wichtiger als der Neubau“, meint Architektin Ursula Schneider und wünscht sich, dass der Gesetzgeber die Aspekte Nachhaltigkeit und Energieeffizienz stärker in den Vordergrund rückt.

In Zukunft werden wir viel mehr Photovoltaik-Anlagen auf den Dächern benötigen. „Bei uns will jeder sein Einfamilienhaus bauen. Das Bauland ist das Kostbarste, das wir besitzen, daher sollte jeder Quadratmeter Bauland eine bestimmte Anzahl an Kilowattstunden Strom produzieren, egal ob es ein Wolkenkratzer oder ein Einfamilienhaus ist.“

 

Neue Konzepte für Wärme und Kühlung

WBV-GPA-Geschäftsführer Michael Gehbauer ergänzt: „Zudem haben wir die absurde Situation, dass Häuslbauer im Gegensatz zum geförderten Wohnbau nicht für Sanierungen vorsorgen müssen. Infolgedessen fördern Menschen, die in günstigen Mietwohnungen wohnen, über die gesellschaftliche Querfinanzierung die Einfamilienhäuser am Waldesrand, denn jedes Haus muss man instandhalten. Die Rechtsform, in der ein Gebäude errichtet wurde, ist maßgeblich für die architektonischen Lösungen. Die beste Form des Wohnens ist daher immer noch die Miete. Und da sind immer wieder Pilotprojekte wie in der Donaustadt möglich.“

Es braucht Energiekonzepte für die großen Wohnhausanlagen, wo etwa Erdwärme zum Einsatz kommt, oder Niedrigenergieheizungen statt Radiatoren, überall, wo es keine Fernwärme gibt. Auch das Thema sommerliche Überhitzung muss in die Planungen Eingang finden. „Man sollte überlegen, wie man den Hitzeeintrag auf das Gebäude etwa durch Grünfassaden verringern kann, bevor man über Kühlung nachdenkt.“

In jedem Fall müssten die gesetzlichen Grundlagen nicht nur für den geförderten Wohnbau, sondern auch für frei finanzierte Projekte geschaffen werden, um ökologisches Bauen zu forcieren. Bei der Wohnbaunovelle oder der Ökostromgesetzgebung „hat sich einiges getan“, so Senk, „aber wir brauchen schnellere Schritte, um den Herausforderungen gewachsen zu sein.“

 

Offen und transparent: Die Positionen von Wien Energie können jetzt auch auf der Wien Energie digitale Public Affairs-Plattform nachgelesen werden.

 

Mit Umstieg die Klimawende ermöglichen

Ein zentraler Faktor ist natürlich, wo gebaut wird und welche Gebiete gewidmet werden, damit die Menschen möglichst ohne Auto auskommen. Die intelligente Kombination von Mobilitätslösungen bietet viel Potenzial für Nachhaltigkeit. „Die Installation einer Wallbox zu Hause muss so einfach werden wie ein Internetanschluss“, so Gudrun Senk. Im öffentlichen Bereich wird Wien Energie bis 2020 1.000 E-Ladestellen errichten.

Natürlich ginge es in erster Linie darum, Verkehr zu vermeiden, „man darf den Menschen aber ihre Individualmobilität nicht verwehren“, sind sich die TeilnehmerInnen einig. „Wir brauchen ein Gesamtkonzept für Fußgänger, Radfahrer, Anschlüsse an öffentliche Verkehrsmittel, Sharing-Angebote, Mobilitätsstationen – das alles muss schon in der Planung berücksichtigt werden“, so Madreiter. Auch gibt es die Möglichkeit, die Stellplatzverpflichtung zu reduzieren. Ansonsten muss etwa für 100 m² Wohnfläche ein Stellplatz errichtet werden.

 

E-Ladestellenausbau in Wien schreitet voran

Die Koppelung von Wohnbau und Stellplätzen findet Schneider grundsätzlich falsch. Fahrradstellplätze sind für sie hingegen ein Muss. „Einerseits muss natürlich dieses Angebot da sein, andererseits müssen wir auch unsere Haltung ändern. Mit meinem Fahrrad bin ich immer rechtzeitig am Ziel“, ist sie überzeugt. Michael Gehbauer fühlt sich als Fußgänger und in den Öffis zu Hause. „Die jüngere Generation fährt ohnehin weniger Auto“, stellt er fest. Daher „schaffen wir nur so wenig Stellplätze wie erforderlich in den Wohnbauten. Aber wir sorgen für Lademöglichkeiten für E-Autos.

Der Besitz eines Autos sei ökonomisch zu hinterfragen, aber Mobilität sei ein Grundbedürfnis, daher müsse man „alles daransetzen, die Energieträger grün zu machen“, so Senk.  „Wien Energie ist überzeugt, dass es möglich ist, mit entsprechenden Lösungen, den Großraum Wien zu CO2-frei zu machen. Elektromobilität ist ein wichtiger Faktor dabei, aber auch Photovoltaik im Mehrparteienhaus sowie Fernkälte zur Kühlung werden dazu beitragen.

 

Eine frühzeitige Einbindung der NutzerInnen in die komplexen Planungsprozesse dient der Bewusstseinsbildung. Durch die Vernetzung der Institutionen können wir gemeinsam das Beste machen.“

 

Fazit

Die ExpertInnen waren sich einig: Nur gemeinsam können wir die Veränderungen und die Herausforderungen der Klimakrise bewältigen. Hand in Hand sollen Forschung, Wirtschaft und Politik Lösungen finden und Umsetzungen vorantreiben. Mit den entsprechenden Rahmenbedingungen seitens des Gesetzgebers, einer möglichst frühzeitigen Vernetzung aller Stakeholder und den entsprechenden innovativen Lösungen lässt sich die Energiewende schaffen.

 

DIin Alexandra Madreiter

Dezernatsleiterin in der Magistratsabteilung für Stadtteilplanung und Flächennutzung, mitverantwortlich für die Stadtentwicklung am ehemaligen Nordbahnhof. Das Gelände des ehemaligen Nordbahnhofs im 2. Bezirk ist eine der größten innerstädtischen Entwicklungszonen Wiens. Bis 2025 werden dort rund 20.000 neue Bewohnerinnen und Bewohner leben und ebenso viele Arbeitsplätze entstehen. Das städtebauliche Konzept verbindet urbane Dichte mit einem großzügigen Freiraumangebot und schafft so eine hohe Lebensqualität für alle NutzerInnen.

 

 

 

Damit der Klimaschutz auch zu Hause ankommt, muss die Installation einer E- Ladestelle so einfach werden wie ein Internetanschluss.“

 

DIin Magª. Gudrun Senk

Prokuristin Wien Energie und Geschäftsführerin der EVN-Wien Energie Windkraftentwicklungs- und Betriebs GmbH. Seit mehr als 15 Jahren beschäftigt sie sich mit dem Thema Energie und Klimaschutz. An der FH Burgenland zählte sie zu den Pionieren des Masterstudiengangs Nachhaltige Energiesysteme. Sie verantwortet den Erzeugungsbereich und die Forschung bei Wien Energie.

 

 

 

 

 

 

„Wir stellen derzeit noch keinen Zusammenhang zwischen den Klimazielen und uns selbst her. Wir müssen das Thema Nachhaltigkeit schon bei den 10- bis 14-Jährigen verankern.“

 

Arch. DIin Ursula Schneider

Sie leitet POS sustainable architecture seit dessen Gründung 2000. Seit über 30 Jahren liegt ihr Fokus in der ökologischen und klimasensitiven Architektur. Ab 2001 verstärkte sie ihre Tätigkeit im Bereich der innovativen und angewandten Bauforschung unddes Consultings in den Themenbereichen Passivhaus, Tageslichtarchitektur, Plusenergiestandard, CO2-neutrales Bauen, cradle to cradle, Kreislauffähigkeit, Nutzerkomfort und Gebäudebegrünung. Im Rahmen ihrer regen Tätigkeit als Lehrende und Vortragende vermittelt sie ihre Werte einer zukunftsfähigen Architektur.

 

 

 

 

 

„Wir müssen Win-win-Situationen schaffen – eine Photovoltaik-Anlage muss sich für die Mieter rechnen – und wir sollten eine CO2- Steuer einführen, mit einem Entlastungseffekt über die Lohnsteuer.“

KommR Mag. Michael Gehbauer

Seit 2004 Geschäftsführer der Wohnbauvereinigung für Privatangestellte.

Hochwertige Architektur sind Teil der Unternehmensphilosophie: Menschen, Maßstäbe, Meilensteine. Die WBV-GPA arbeitet mit den besten Architekten des Landes und schuf Meilensteine wie den Gasometer B, die Frauen-Werk-Stadt, den Kauerhof, das Wohnhochhaus K6, das Frauenwohnprojekt ro*sa Donaustadt, Staatspreis 2017 Architektur und Nachhaltigkeit für ihr Projekt „neunerhaus Hagenmüllergasse“ oder das zuletzt mit dem internationalen Immobilien-Oscar FIABCI World Prix d’Excellence Awards 2019 „WORLD GOLD WINNER“ ausgezeichnete Projekt „PopUp dorms“, ein Studierenden-Wohnheim auf Zeit in der Seestadt Wien.

 

 

 

 

Moderation: Dr. Herbert Starmühler

Beruflich wie privat beschäftigt sich Herbert Starmühler seit Jahren mit den Themen Architektur, Bauwirtschaft und vor allem Elektromobilität: Der Journalist ist Verleger einer Reihe von Fachzeitschriften in diesen Bereichen. Auch ein Buch hat er zu diesem Thema bereits verfasst: „10 Argumente gegen das Elektroauto – die Sie gleich vergessen können“. In dieses Werk sind auch viele persönliche Erfahrungen eingeflossen, die der Wiener privat mit Elektromobilität gemacht hat: Seit sechs Jahren ist er ausschließlich mit E-Autos unterwegs.

 

Der Beitrag ist im Magazin Energie! 3/2019 erschienen. Fotos: Arman Rastegar.